fudder: Ermir aus Umkirch will Mr. Gay Germany werden und anderen Mut machen

Weil Ermir Blum aus Umkirch schwul ist, verstieß ihn seine Familie – nun will er Mr. Gay Germany werden. Mit einer Kampagne will er anderen Mut für ihr Coming-Out machen – und in deren Umfeld für Verständnis werben. Eine Herzensangelegenheit.

Sein Coming-Out in der Familie vor mehr als drei Jahren war spontan. Ermir Blum war 20 Jahre alt und frisch verliebt. Er hatte sich nach seinem Abitur am Walter-Eucken-Gymnasium in Freiburg ein Jahr Auszeit gegönnt, bevor er eine Ausbildung bei der Sparkasse in Lörrach beginnen würde. Damals lebte der heute 23-Jährige noch bei seiner Familie in Umkirch.

Er war einige Tage nicht Zuhause gewesen. Die Fragen seiner Mutter, wo und mit wem er unterwegs gewesen sei, blieben nicht aus. Da wollte Ermir nicht mehr lügen und erzählte, dass er die vergangenen Tage mit einem Mann verbracht hatte. Seine Mutter rastete aus. Sie wünschte ihrem Sohn den Tod, bezeichnete ihn als Schande für die Familie. Geschockt packte Ermir seine Sachen, zog zu dem Mann, in den er sich gerade verliebt hatte. Danach herrschte Funkstille.

Er will sensibilisieren statt nur posieren

Vor einem Jahr hätte Ermir nicht damit gerechnet, nun einer der sieben Finalisten der Mr. Gay Germany Wahl 2019 zu sein. Am ersten Dezember entscheidet sich beim Finale in Köln, wer den Titel erhält und damit ein Jahr als Vertreter der schwulen Gemeinschaft in Deutschland fungiert. Eine Rolle, die Ermir inzwischen reizt. “Ich habe mich zunächst nicht darin gesehen, bei so einem Wettbewerb mitzumachen”, sagt Ermir.

Ein Freund habe ihm von der seit 2014 existierenden Wahl erzählt. Erst als Ermir herausfand, dass dabei nicht nur Wert auf das Äußere gelegt werde, sondern auch auf eine Botschaft, freundete er sich mit dem Gedanken an, teilzunehmen. Er schickte ein Bewerbungsvideo und wurde prompt als einer von zwölf Kandidaten auf eine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer geladen.

Eine Woche mussten sich die zwölf Kandidaten an Deck auf Catwalks präsentieren, bei Fotoshootings posieren, aber auch Tests absolvieren, bei denen das Wissen zur Geschichte der Homosexualität abgefragt wurde. Und: Auch eine Botschaft sollten die Männer ausformulieren, die sie derzeit und bei einem eventuellen Sieg in den Medien bewerben sollten.

Ermir will Menschen, die Ähnliches wie er erlebt haben, Mut machen und auch beim Umfeld für Verständnis und Toleranz werben. Auch der Auftritt in den sozialen Medien zählt. Ermir wirbt dafür, seinem persönlichen Instagram-Profil (@siedir) zu folgen oder seine Fotos auf dem offiziellen Instagram-Account der Wahl zu liken. Er fasste seine Kampagne in einem Hashtag zusammen: #TheFamilysBlackSheep.

Denn er fühlt sich als schwarzes Schaf seiner Familie. Seine albanischen Eltern kamen aus der heute kosovarischen Stadt Prizren vor rund 30 Jahren nach Deutschland. “Die Familienehre ist sehr wichtig in dieser Kultur”, erklärt Ermir, “wichtig ist auch, was die Verwandtschaft redet.” Mit seiner sexuellen Orientierung würde er die Ehre der Familie beschmutzen und ihr Leid zufügen, so der Vorwurf. Seine Verwandtschaft sei zwar muslimisch, doch die Religion spiele keine starke Rolle bei der heftigen Ablehnung.

Nach seinem Coming-Out stellten sich seine Eltern und die vier Geschwister gegen ihn. Zweieinhalb Jahre schrieben Mutter und Schwestern Nachrichten voller Vorwürfe. So lange, bis Ermir mit einem Anwalt drohte. “Mein damaliger Freund war wie eine Familie für mich”, sagt Ermir heute. Auch bei seiner besten Freundin fand er eine Art Heimat. “Ihre Mutter bot mir im Mai 2016 an, mich zu adoptieren”, erzählt Ermir. Seither hat er den Nachnamen seiner Eltern abgelegt und heißt Blum.

Bis November 2017 hatte er keinen Kontakt zur leiblichen Familie. “Dann standen meine Mutter und Schwestern plötzlich vor der Tür”, erinnert er sich. Seine Mutter weinte, man sprach sich aus – und fand wieder zueinander. Kurz darauf kam es zur Trennung von seinem Ex-Freund, mit dem er dreieinhalb Jahre zusammen war. “In dieser Zeit unterstützte mich meine Familie sehr”, bekräftigt Ermir. Doch bald drängten sie ihn, eine Beziehung mit einer Frau einzugehen. “Sie dachten, für mich sei die Zeit mit einem Mann eine Phase gewesen”, sagt Ermir.

Ein Neuanfang nach turbulenten Jahren

Er kannte dieses Drängen von früher. Mit 16 fing es an. “Wieso hast du keine Freundin?”, wollten die Verwandten wissen. Mit 18 kamen die ersten Heiratsangebote, wenn Ermir im Sommer Prizren besuchte. “Das war schlimm”, erinnert er sich, dem mit 13 Jahren klar wurde, dass er mehr Interesse an Männern als an Frauen hat. “Mit 16 Jahren stellte ich meiner Familie immer wieder gute Freundinnen als feste Freundin vor, damit sie mich in Ruhe ließen”, schildert Ermir.

In dieser Zeit lernte er sich selbst kennen, traute sich zum ersten Mal in die Schwulen- und Lesbenbar Sonderbar in Freiburg, verreiste in größere Städte mit vielfältigeren Szenen. Lange hielt er seine sexuelle Orientierung vor der Familie geheim, nur eine Schwester und enge Freunde wussten Bescheid. “Ich wollte meine Familie beschützen”, erklärt Ermir sein Schweigen.

Denn dass sie mit seiner sexuellen Orientierung Probleme haben könnte, war ihm klar. Irgendwann wurde ihm aber bewusst, dass ihn das Verheimlichen unglücklich machte. Nun geht Ermir seinen Weg, auch wenn er hofft, dass seine Familie ihn irgendwann so akzeptiert, wie er ist. “Ich liebe meine Mutter trotz allem und vergesse nie, was sie Gutes für mich getan hat”, sagt er.

Ab November ändert sich einiges. Dann beendet Ermir den Job als Privatkundenberater einer Bank in Lörrach und zieht für einen Bankerjob und ein Studium nach Frankfurt. Es ist ein Neuanfang.