BZ Warum Papstgegner den Pontifex nicht in Freiburg sehen wollen

„Freiburg ohne Papst“ heißt eine Gruppe von Bürgern, die den Besuch von Papst Benedikt XVI. ablehnen. Was sind ihre Motive? Der 71-jährige Sozialarbeiter und Jurist Albrecht Ziervogel, Sprecher der Gruppe, gibt Auskunft. BZ: In Leserbriefen haben sich Bürger sehr verärgert über Ihr Logo, ein über das Münster gezogenes Kondom, geäußert, sie fanden das niveau- und geschmacklos. Wollen Sie provozieren? Albrecht Ziervogel: Ein gewisses Maß an Provokation ist natürlich beabsichtigt. In unserer Gesellschaft ist man so daran gewöhnt, alles auf die Gefühlslage und Empfindsamkeit der katholischen Kirche abzustellen. Die Menschen sind bei der kleinsten kritischen Bemerkung schnell verletzt, ihnen ist es aber ganz egal, wie die katholische Kirche mit ihren moralischen „Positionen“ andere Leute am laufenden Band verletzt, zum Beispiel die Schwulen und die Frauen, die nicht Priesterinnen werden dürfen und in keiner Weise gleichberechtigt sind. Wir wollen durch diese kleinen Nadelstiche deutlich machen: „Seht her, so geht es einem, wenn man auf der anderen Seite sitzt.“ Ich frage die Kritiker des Kondomlogos: Können Sie sich vorstellen, warum uns genau das eingefallen ist? Es geht uns nicht um die Person des Joseph Ratzinger, sondern darum, dass er das Oberhaupt einer Gemeinschaft ist, die eine verquere Geschlechterpolitik betreibt, welche menschenverachtend im Hinblick auf Schwule und Lesben ist. BZ: Sie können also mit dem Vorwurf leben, geschmacklos zu sein? Ziervogel: Oh ja, sehr gut. Wir haben so viel Munition für Geschmacklosigkeit von Seiten des Vatikan und auch des Papstes, dass wir jeglicher kritischen Auseinandersetzung ganz ruhig entgegensehen. Im Gegenteil, wir wünschen sie uns – in der Hoffnung, dass man wirklich argumentieren kann und uns nicht nur sagt: „Ihr seid alle bekloppt.“ BZ: Was außer der Geschlechterpolitik kritisieren Sie? Ziervogel: Der Vatikan ist in meinen Augen ein diktatorisches Regime, in welchem Legislative, Administrative und Judikative von einer einzigen Person beherrscht werden. Klagen werden sogar nur mit Zustimmung des Papstes zugelassen. Man stelle sich das in einem demokratischen System vor. Warum kommt der Papst dann hierher und redet im Bundestag, und der Herr Kauder [gemeint ist Volker Kauder, der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, die Red.] und andere CDU-Abgeordnete bezeichnen das im Vorhinein als eine Sternstunde des Parlamentarismus? Da kommt ein Mensch mit weit überzogenen moralischen Ansprüchen und erzählt unseren demokratischen Parlamentariern, wie er in seinem Ministaat die Dinge handhabt. Das als Sternstunde zu bezeichnen, ist peinlich; Fremdschämen sagt man, glaube ich, dazu. Ob er im Bundestag auch etwas von erfolgreicher Geldwäsche oder von Unterdrückungsmethoden schildern wird, ist allerdings fraglich. BZ: Sie kritisieren auch die Kosten des Besuchs. Ziervogel: Der Papst, dieser letzte absolute Monarch in Europa, will die Welt missionieren – das ist erklärtes Staatsziel des Vatikans. Wir finden es eine ziemliche Unverschämtheit, dass unsere Bundespolitiker ihm die Gelegenheit bieten, das auch noch mit unseren Steuergeldern zu tun. Denn Leute, die mit der Kirche gar nichts am Hut haben, sind genauso beteiligt, wenn es um die Finanzierung dieses etliche Millionen Euro teuren Staatsbesuchs geht, wie die Kirchensteuerpflichtigen. Dabei steht in Artikel 140 des Grundgesetzes, dass eine Trennung von Kirche und Staat stattzufinden hat. Bereits die Weimarer Reichsverfassung von 1919, auf die Artikel 140 Bezug nimmt, sah die Trennung von Staat und Kirche aus guten Gründen vor. Erfolgt ist sie seit nunmehr 92 Jahren immer noch nicht, und kaum ein Politiker scheint daran auch nur im Ansatz zu denken mit ganz wenigen Ausnahmen. Ja, dem Bundespräsidenten und dem Bundestagspräsidenten als Gastgebern muss man sogar einen bewussten Verstoß gegen Artikel 140 unterstellen. Oder kennen sie etwa das Grundgesetz nicht? BZ: Was hat sich Ihre Initiative zum Ziel gesetzt? Verhindern werden Sie den Besuch des Papstes nicht. Ziervogel: Wir werden sehr viele Argumente auffahren und viele Informationen, auch historischer Art, liefern. Wir haben nie gesagt, dass wir den Besuch verhindern wollen, es handelt sich ja um eine Einladung von Bundespräsident Wulff – der übrigens als Katholik nach Ehebruch und Scheidung in zweiter Ehe lebt und nach den Kriterien seiner eigenen Kirche eigentlich übel dran wäre und mindestens so schlimm dastehen müsste wie Schwule und Lesben. BZ: Sie kritisieren, dass sich der Papst ins goldene Buch der Stadt einträgt. Ziervogel: Wir werfen Herrn Salomon vor, dass er den Mund viel zu voll genommen hat, als er sagte, dass ganz Freiburg sich freue und der Besuch des Papstes eine hohe Ehre für die Stadt sei. Dabei gibt es in Freiburg ein großes kritisches Potenzial, was den Papstbesuch betrifft. Die Gründe sind bekannt: die menschenfeindliche Geschlechterpolitik, die Demokratiefeindlichkeit, die Zulassung der Pius-Brüder, die in ihren Reihen Holocaust-Leugner haben, die systematische Vertuschung von Straftaten durch Erzbischof Ratzinger in München, der nur dank Diktator Mussolini diplomatische Immunität weltweit und auf Lebenszeit genießt und daher der Strafverfolgung entgeht. Deshalb fordern wir, dass sich der Papst nicht ins goldene Buch eintragen darf. Es wäre eine Beleidigung für die Stadt. BZ: Sie sprechen für eine kleine Gruppe. Ziervogel: Oh nein, das können wir an den Reaktionen sehen, die wir bekommen. Der katholische Theologe David Berger – bis letztes Jahr Professor der Päpstlichen Akademie, der sich geoutet hat und daraufhin in hohem Bogen rausflog – gehört zu unseren Unterstützern, auch Ralf König, drei seiner Bücher haben sich ja mit Kirchenthemen auseinandergesetzt, und die Theologin Uta Ranke-Heinemann. BZ: Sie haben ein umfangreiches Programm auf die Beine gestellt. Ziervogel: Beim Mittsommernachtstisch präsentieren wir uns zum ersten Mal der Öffentlichkeit, um zu testen, wie die Reaktionen sind [die Rosa Hilfe hat am Samstag einen Stand unter dem Motto „Ein Kuss, ein Papst, eine Botschaft: Liebe lässt sich nicht verdammen“, die Red.]. Ein gewisses Highlight unseres Programms wird sicherlich der Vortrag von Uta Ranke-Heinemann sein, einer prominenten Kirchenkritikerin. Und die Podiumsdiskussion, bei der wir die konservativen Positionen der Kirche zur Diskussion stellen, deswegen wünschen wir auch, dass daran Herr Zollitsch oder ein von ihm Beauftragter teilnimmt. Wir haben dafür auch bei zahlreichen katholischen Theologen im Freiburger Raum angefragt – ob sie nicht wollen oder durften, ich weiß es nicht. Ralf König macht eine Comic-Lesung, bei der es um kirchliche Themen gehen wird, und es wird einen Vortrag von Alan Posener geben, der das Buch „Der gefährliche Papst“ geschrieben hat. BZ: Werden Sie selbst am 24. und 25. September in der Stadt sein? Ziervogel: Mich persönlich interessiert dieses Brimborium wenig – noch nicht einmal, um da mit offenem Mund zu stehen und zu sehen, wie die Begeisterung für diesen Popstar überschnappt. Aus soziologischen Gründen werde ich es mir aber wohl doch in irgendeiner Form angucken. Es ist auch noch nicht ganz raus, ob wir nicht doch kleine Aktionen machen. Wir wollen aber auch nicht nur das Provokative, damit die Masse dann über uns sagt: „Guckt euch die schwulen Säue an, was anderes können sie nicht…“ Ursprünglich hatten wir am 24. September einen Infostand in der Innenstadt beantragt, aber der ist nicht genehmigt worden, ohne dass uns jemand eine rechtliche Grundlage genannt hat – Sicherheitsrisiko, Bevormundung oder was weiß ich, was der Grund ist. Quelle: www.badische-zeitung.de