fudder-Interview: „Damit auch Oma vom Land sieht, dass wir nicht beißen“

Rosekids e.V.

Treffen: mittwochs & freitags – immer ab 19.30 Uhr
www.rosekids.de

CSD, Outing und Kakteen – fudder hat mit der schwul-lesbischen Jugendgruppe Rosekids gesprochen. Den Verein gibt es seit 1987 in Freiburg, seitdem ist er Anlaufstelle für queere Jugendliche um Kontakt zu knüpfen, neue Freunde zu finden und Rat zu suchen.

Haben viele Jugendliche eine Hemmschwelle, zu euch zu kommen?

Chris: Ja, das glaube ich schon. Wir versuchen, das aber auch zu nehmen, in dem wir über die Website so offen wie möglich wirken und eine geringe Einstiegshürde schaffen. Wir holen die Leute auch ab, wenn sie das erste Mal zu uns kommen und bieten Neueinsteigertage an. Wir sind aber auch ein geschützter Raum, das finde ich sehr wichtig. Wer hier ist, bleibt unter uns.

Andi: Meistens sind es Jugendliche, die nicht geoutet sind oder vielleicht Zuhause Probleme mit dem Outing haben, zum Beispiel mit sehr religiösen Eltern. Generell ist es ja auch schwierig, sich in einer neuen Gruppe zu sozialisieren und hier ist die Hemmschwelle eben nochmal größer. Wenn wir besonders junge Jugendliche hier haben, sind die sich oft selbst noch nicht sicher, ob sie schwul oder lesbisch sind und haben dann vielleicht auch noch Vorurteile.

Wie bewertet ihr die Situation schwuler und lesbischer Menschen in Freiburg?

Chris: Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen und da war das Leben nochmal ein bisschen was anderes. Händchen haltend durchs Dorf laufen geht dort nicht. Das hab ich hier in Freiburg lieben gelernt, dass man zumindest in der Innenstadt nie die Problematik hat und dass man ziemlich offen seine Sexualität ausleben kann. Meiner Meinung nach gibt es auch recht viele Angebote und Vereine. Das ist zwar alles ehrenamtlich, aber angeboten wird schon einiges. Beim CSD hat man aber auch gemerkt, dass niemand wirklich gegen uns aber auch nicht wirklich für uns ist. Ich würde behaupten, dass vor allem Leute aus ländlicheren Regionen weniger tolerant sind. Wir haben auch Jugendliche hier aus dem Umkreis und da herrscht oftmals noch ein rauerer Ton, dort haben die Leute auch oft Angst sich zu outen.

Finn: Ich glaube auch, dass es hier in Freiburg besser ist als irgendwo auf dem Land. Ich kenn einige in Kirchzarten und von denen ist keiner geoutet und hier in Freiburg wird damit offener umgegangen.

Auf eurer Internetseite habt ihr viele Kontaktmöglichkeiten angegeben. Wie oft kontaktieren die Leute euch?

Chris: Mindestens einmal die Woche über Facebook, zwei, drei E-Mails und circa 15 bis 20 Leute über Whatsapp.

Seit wann seid ihr dabei und wie seid ihr damals auf den Verein aufmerksam geworden?

Andi: Ich bin seit 2011 dabei, hergekommen bin ich mit meinem damaligen Freund und dann bin ich hängengeblieben.

Finn: Seit Dezember 2016, ich bin tatsächlich durchs Internet auf den Verein aufmerksam geworden. Beim Neueinsteigertag war ich zum ersten Mal da.

Wie hat sich der Verein in den letzten Jahren entwickelt?

Andi: Wir sind professioneller geworden. Wir bekommen aber auch mehr Unterstützung von der Stadt. Am Anfang hatten wir räumliche Probleme und sind oft umgezogen, mittlerweile zahlt die Stadt unsere Miete und wir sind Teil des Stadtjugendrings. Aber an sich ist alles so wie immer.

Chris: Wir haben mehr Projekte. Am Anfang hatten wir zusammen mit der Rosa Hilfe einen Wagen beim Christopher Street Day, mittlerweile stellen wir einen eigenen. Es gibt jetzt ein queeres Vernetzungstreffen der Stadt Freiburg, was insbesondere durch den neuen Oberbürgermeister gefördert wird. Wir haben auch eine eigene Partyreihe, die Cute Cactus Party. Die erste war am 19. Januar, die wurde auch sehr gut angenommen. Deswegen wird es am 6. Juli auch eine Fortsetzung geben.

Andi: Die Partys sind auch nicht kommerziell, das ganze Geld wird wieder in den Verein gesteckt, in den CSD-Wagen, Hüttenwochenenden oder vielleicht ein Sommerfest. Jeder, der hier arbeitet, arbeitet ehrenamtlich. Es wird nicht weniger Arbeit, aber dadurch, dass die Stadt zuvorkommender ist und wir Sorgen, wie „Können wir nächsten Monat unsere Miete noch bezahlen?“ nicht mehr haben, können wir diese Kraft in andere Projekte stecken.

Findet ihr, dass die Stadt genug für queere Jugendliche macht?

Chris: Im Vergleich zu früher gibt es schon eine Entwicklung. Der CSD wird jetzt zum Beispiel von der Stadt unterstützt und auch das Initiieren des Vernetzungstreffens. Viel hat sich auch geändert, seit es einen neuen Oberbürgermeister gibt.

Andi: Die Stadt per se unterstützt uns, aber von sich aus macht sie nicht wirklich etwas. Die Gender- und Diversitätsbeauftragte war früher zum Beispiel nur eine Genderbeauftragte, das ist eine Entwicklung. Aber aus der Community raus muss immer noch viel gefordert werden. Auch, wenn wir nie wirklich starke Berührungspunkte mit der Stadt haben. Wir werden finanziert, da können wir uns glücklich schätzen, aber wir haben nicht so viele Berührungspunkte mit der Stadt wie zum Beispiel die Rosa Hilfe.

Wünscht ihr euch mehr Initiative von der Stadt?

Andi: Ich persönlich würde mir wünschen, dass ich das hier nicht machen muss. So schön die ehrenamtliche Arbeit auch ist, es ist und bleibt Arbeit. Jeder von uns macht das nebenher. Zum Einen ist es eben die Zeit und die Kraft, aber auch, dass wir nicht die Professionalität haben, wir sind keine Sozialpädagogen oder Psychologen. Manchmal werden wir um Rat gebeten, wo wir selbst nicht weiter wissen und dann vermitteln müssen.

Chris: Ich weiß nicht, ob es Sinn machen würde, wenn die Jugendgruppe von der Stadt käme. Aber zum Beispiel die Rosa Hilfe, die wird zwar von der Stadt subventioniert wird, da könnte man aber auf jeden Fall noch mehr machen. Früher war es schlimmer als heute, aber allein die Räume zu suchen, was für andere Vereine vielleicht leichter ist, da sie mit der Kirche vernetzt sind, ist schwer. Die Selbstverständlichkeit, einen Raum für queere Jugendliche zu haben, wäre schön.

Was würdet ihr denn jungen Menschen raten, die ihre Sexualität hinterfragen?

Chris: So ein All-in-One-Konzept gibt es nicht. Auf unsere Website haben wir aber ein paar Ratgeber und ansonsten kann man natürlich einfach mal vorbeikommen, allerdings weiß ich nicht ob das immer hilft.

Finn: Ich glaube, dass es ein Prozess ist. Es ist schwer zu sagen, das und das kann man machen. Das ist sehr individuell. Es gibt Unterstützungen, aber den Hauptteil muss man selbst machen.

Andi: Es ist wichtig, sich damit zu beschäftigen, auch wenn es einem schwer fällt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man da nicht drüber nachdenken will. Aber im Endeffekt ist es besser, sich damit auseinanderzusetzen und sich zu informieren. Wir sind diverser, als die Gesellschaft suggeriert. Es gibt nicht nur schwul, lesbisch, es gibt auch bi-, pan- oder transsexuell. Und wenn man davon nichts weiß, ist es schwer, sich selbst in eine Schublade zu stecken.

Warum ist es 2019 immer noch so schwer, sich zu outen?

Finn: Zum Einen, weil man es in der Gesellschaft nicht sieht, zum Anderen, weil man die Vorbilder Mama und Papa hat. Da wird man erstmal ins kalte Wasser geworfen und man muss schauen, wie man sich da zu Recht finden kann. Ich glaube, das macht vielen Angst.

Chris: Ich finde, wir sind dann fortgeschritten, wenn man sich nicht mehr outen muss.

Andi: Ich denke auch, die größte Hemmschwelle ist, dass es nicht als normal angesehen wird. In Film und Fernsehen gibt es vielleicht schwule und lesbische Beispiele, aber für die meisten ist es in der Familie und im Freundeskreis nicht normal, wenn jemand queer ist. Dann gibt es auch noch die religiösen Aspekte, dass es dadurch nicht geduldet wird. Eltern haben auch oft Angst, dass der Lebensweg ihres Kindes schwieriger wird, als wenn es hetero wäre.

Welche weiteren Anlaufstellen und Möglichkeiten sich zu engagieren haben queere Jugendliche in Freiburg?

Andi: Bei uns kann man sich natürlich einbringen, wir suchen immer engagierte Leute. Wenn jemand Hilfe oder Beratung sucht, dann ist er bei der Rosa Hilfe gut aufgehoben, die haben ein professionelles Beratungsangebot. Das können wir nicht leisten. Ansonsten gibt es für Studenten das Regenbogenreferat, jeder kann sich im CSD-Verein engagieren und es gibt auch noch Fluss, die in Schulen aufklären.

Chris: Einen queeren Sportverein, Queerfeldein, und gibt es auch, und die Rosa Philosophen. Also Angebote gibt es bunt gemischt, von Beratung bis Sport.

Warum ist es so wichtig, dass es Verein wie euch gibt?

Chris: Das sieht man an den täglichen Anfragen. Die Leute haben immer Fragen, sie suchen Freunde, wollen neue Leute offline kennenlernen. Es ist auch eine Zuflucht, vor allem, wenn es in der Familie Probleme gibt.Mit der Cute Cactus Party tragen wir zum Erhalt der Freiburger Partykultur bei und mit der Teilnahme am CSD sendet man eine politische Botschaft. Vielleicht wird es ja immer ein Stück normalisiert, wenn man einmal im Jahr durch die Stadt läuft und auch die Oma vom Land sieht, dass wir nicht beißen.

Andi: Die Nachfrage ist da. Denn Beratung ist schön und gut, aber das fühlt sich schnell an wie eine Therapiestunde an. Und sich einfach mal mit Gleichgesinnten normal zu fühlen, ist sehr wichtig.

Was wünscht ihr euch für den Verein für die Zukunft?

Chris: Ich würde mir wünschen, dass immer engagierte Jugendliche nachkommen. Dass auch wenn wir mal sagen: „Jetzt reicht’s uns“, wir dann wissen, dass die nächste Generation den Verein hegt und pflegt. Die Rosekids gibt es jetzt schon seit 30 Jahren, damit es den Verein auch noch 30 weitere gibt.

Andi: Nicht in naher, auch nicht in mittelfristiger Zukunft, aber in der ganz weit entfernten Zukunft wäre es eigentlich schön, wenn es uns gar nicht mehr bräuchte, dass man unser Angebot nicht mehr annehmen muss. Aber solange das nicht so ist, machen wir natürlich weiter.

Was wünscht ihr euch für queere Jugendliche in der Zukunft?

Chris: Akzeptanz. Jeder von uns hat sein Outing durchgemacht und ich wünsche jedem, dass es für denjenigen möglichst einfach ist.

Finn: Dass dieser Schritt in der Zukunft gar nicht mehr benötigt wird.

Andi: Dass die Oma nicht mehr fragt, ob du als Mann eine Freundin hast, sondern einen Partner oder eine Partnerin. Akzeptanz in der Schule, Akzeptanz zuhause. Denn ich glaube, dass die Pubertät sowieso schon eine sehr empfindliche Zeit ist, und wenn diese Entlastung wegfallen würde, das wäre schön.

Chris, 20 Jahre alt, studiert Online-Medien an der Hochschule Furtwangen.

Andi, 26 Jahre alt, ist Doktorand für Biologie an der Uni Freiburg.

Finn, 18 Jahre alt, ist Schüler.

Quelle: http://fudder.de/damit-auch-oma-vom-land-sieht-dass-wir-nicht-beissen-die-rosekids-im-fudder-interview–173775954.html

https://www.rosekids.de