BZ: Die „Schwule Welle“ aus Freiburg wird 30 Jahre alt

Sie ist die wohl älteste Schwulensendung Deutschlands: Die „Schwule Welle“ ist jeden Donnerstag auf Radio Dreyeckland zu hören. Jetzt feiert sie Jubiläum.

„Einmal tief durchatmen“, sagt Dieter Herchenbach, setzt die gepolsterten Kopfhörer auf und grinst: „Immer wieder aufregend.“ In 30 Sekunden geht „Oh Happy Gay“ auf Sendung, ein Programm der „Schwulen Welle“ auf Radio Dreyeckland. Neben ihm sitzen seine Co-Moderatoren Alex Kaufhold, heute auch an der Technik, und Hartmut Stiller, der Facebook und Co im Blick behält. Viel vor haben die drei, Interviews, Nachrichten, Veranstaltungstipps. Dieter schaut auf die Studio-Uhr: „Das wird ein enges Höschen heute.

Die Formate der Sendung unterscheiden sich wöchentlich

Der Sendungsjingle läuft, Kaufhold zieht den Regler hoch. „Ein 102,3 Megaherzliches Willkommen!“, spricht Herchenbach ins Mikrofon. Die „Schwule Welle“ ist auf Sendung – wie schon seit 30 Jahren. „Wir sind die älteste noch existierende Schwulensendung im deutschen Raum“, erzählt Herchenbach später, als Musik läuft und er eine Pause hat. 1988 erhielt das links-alternative Projekt Radio Dreyeckland (RDL) in Freiburg seine offizielle Sendefrequenz, die Schwule Welle war von Beginn an dabei. „Man erzählt sich, dass es sogar schon eine Schwulensendung gab, als RDL noch ein illegaler Piratensender war“, sagt Herchenbach.

Es läuft Lady Gaga, „Born this Way“. Den Song hat sich Interviewgast Ermir Blum gewünscht, einer der Finalisten des Wettbewerbs „Mr. Gay Germany“. Er stammt aus der Region, Herchenbach hat vor der Sendung ein 15-minütiges Gespräch mit ihm aufgezeichnet. Darin erzählt Ermir auch, wie ihn seine albanische Familie verstieß, nachdem er sich geoutet hatte. „Oh Happy Gay“ sei ein „Showformat“, sagt Herchenbach, ernste Töne schließe das aber nicht aus

Jeden Donnerstag geht die „Schwule Welle“ von 19.30 bis 21 Uhr auf Sendung, die Wiederholung läuft freitags von 13.30 bis 15 Uhr. Die Formate unterscheiden sich wöchentlich: „GayWatch“ präsentiert Filme und Serien, „GayMusic“ bietet Ende November ein „Half time Special“ zum Eurovision Song Contest. Es gibt Vor-Ort-Reports, etwa zum Christopher Street Day, und Themensendungen wie am 6. Dezember zu Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“

Zum Jubiläum ein Feature zur „queeren Weimarer Republik“

Zum Jubiläum der „Schwulen Welle“ hat sich Hartmut Stiller für Donnerstag, 15. November, etwas Besonderes vorgenommen: Ein 90-minütiges Feature zur „queeren Weimarer Republik“ – mit vielen O-Tönen, Musik und Profi-Sprecher. „Daran habe ich ein halbes Jahr gearbeitet“, sagt er, „die letzten Tage waren eher stressig.“ Stiller ist Historiker und Stadtführer, Herchenbach Biologe, Kaufhold von Hause aus Elektroingenieur. „Das Radiomachen ist ein Hobby für uns“, sagt er. Pro Woche könnten aber schon einige Stunden Arbeit zusammenkommen. Es sei toll, Musiker oder Schauspieler zu Themen zu interviewen, die einen sowieso interessierten, sagt Stiller, der auch bei der Schwulen Filmwoche Freiburg mitmacht. Entsprechend breit ist die Auswahl der Interviewgäste: vom schwulen Kultregisseur Rosa von Praunheim bis zu Freiburgs neuer Wirtschafts- und Tourismus-Förderin Hanna Böhme.

Im Studio liest Stiller inzwischen den Nachrichtenblock, es geht um abwertende Äußerungen von Sarah Wagenknecht zur Ehe für alle, die AfD und amerikanische Soap-Stars. Die Technik ist ein wenig altmodisch, wie es sich für eine traditionsreiche Sendung (und für Radio Dreyeckland) gehört: Das Intro kommt tatsächlich von Minidisc, „das haben wir schon seit 20 Jahren“, sagt Herchenbach. RDL besitzt ein Redaktionsstatut, „ansonsten haben wir Narrenfreiheit“, sagt er. „Bei der Musik dürfen wir auch mal Kommerzkacke spielen“, ergänzt Kaufhold grinsend, „man muss die Schwulen da abholen, wo sie sind.“

Nach einem vorproduzierten Interview mit dem britischen Sänger und Schauspieler Lee Baxter und den Veranstaltungstipps beenden die drei Radiomacher die Sendung pünktlich. Vor knapp 20 Jahren habe er selbst die „Schwule Welle“ mit dem Kopfhörer unter der Bettdecke gehört, erzählt Herchenbach. Viel habe sich seitdem verändert, wichtig sei ein schwules Programm immer noch. „Wir machen kein Betroffenheitsradio“, sagt Kaufhold. „Uns geht es um den schwulen Alltag, wir wollen ein bisschen Normalität vermitteln.“

Quelle: http://www.badische-zeitung.de/freiburg/die-schwule-welle-aus-freiburg-wird-30-jahre-alt–159668262.html