BZ: Schwule Familienväter: „Der Druck ist bei manchen unerträglich“

Robert Sandermann arbeitet bei der Aids-Hilfe und nebenbei für den Verein Rosa Hilfe, wo er homosexuelle Männer und Lesben am Telefon, per Mail und in persönlichen Gesprächen berät. Über Männer, die Frau und Kinder wegen eines Mannes verlassen, sprach der 44-Jährige mit Frank Zimmermann. BZ: Herr Sandermann, Sie haben zuletzt vermehrt verheiratete Männer betreut, die Frau und Kinder aus Liebe zu einem Mann verlassen. Warum diese Häufung? Robert Sandermann: Ja, es ist spürbar mehr geworden, früher war das für uns ein exotisches Thema. Allein 2010 waren bei uns sechs solcher Männer, das ist viel. Das Thema Homosexualität hat sich in der Gesellschaft sehr stark verändert, es ist zwar noch nicht völlig normal, aber doch viel mehr in der Gesellschaft, auch im kleinsten Dorf, angekommen: Man liest viel darüber, es gibt Politiker, die sich geoutet haben, und seit zehn Jahren die eingetragene Lebenspartnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare. Da fällt es vielen Männern leichter als früher, den Lebensweg, den sie als Heterosexuelle eingeschlagen haben, zu verändern, wenn sie merken, dass er nicht der richtige ist. BZ: Was ist für Männer konkreter Auslöser, die Familie zu verlassen? Sandermann: Diejenigen, die ich betreut habe, waren alle zwischen Anfang 30 und Mitte 40. Auslöser ist häufig, dass sie sich in einen Mann verliebt haben. Einige haben zuvor schon eine ganze Zeit lang ein Doppelleben geführt, weiter mit ihrer Frau gelebt und sich zugleich mit Männern getroffen. Das ging eine Zeit lang gut, bis sie dann eben gemerkt haben, dass sie es nicht mehr unter einen Hut kriegen. Sie sind verliebt und emotional zu aufgewühlt gewesen und haben es vor der eigenen Frau nicht mehr verheimlichen können. Der Druck ist bei manchen so unerträglich geworden, dass sie den Kontakt zur Rosa Hilfe oder anderen für sie vertrauenswürdigen Personen gesucht haben und dann relativ bald zu dem Punkt gekommen sind, an dem sie gesagt haben: Es geht so nicht mehr weiter. BZ: Was sind die Nöte dieser Männer? Sandermann: Sie wollen ihr bisheriges Leben eigentlich gar nicht freiwillig verändern – denn sie lieben ihre Kinder und haben Angst, dass sich ihr Verhältnis zu ihnen verschlechtert und ihr freundschaftliches Umfeld zusammenbricht. Und sie haben Angst vor einem neuen Leben, auch wenn sie vielleicht schon schwules Leben kennengelernt haben, zum Beispiel übers Internet oder bestimmte Kontaktportale. Jetzt gilt es: Sie müssen anfangen, sich mit 35 oder 40 in einer für sie neuen schwulen Subkultur zu etablieren. BZ: Was ist das Ziel Ihrer Arbeit? Sandermann: Mein Ziel als Berater ist es, das bisherige Leben dieser Männer mit ihrem neuen Leben zu versöhnen, ihnen die Angst vor dem Neuen zu nehmen, Mut zu machen und Tipps zu geben, damit bestimmte Teile des bisherigen Lebens – der Kontakt zu Kindern, Frau und Freunden – auch weiter bestehen bleiben können. Ich will sie von dem Gedanken abbringen, dass alles Bisherige falsch war und unwiderruflich vorbei ist. In unserer Coming-out-Gruppe geht es darum, wie man mit der Situation umgeht, wie man das Thema in der Familie behandelt und wie man mit sich selbst umgeht, damit man sich besser fühlt. Letztendlich bieten wir also Selbsthilfe an. Manchmal nehmen auch die Ehefrau oder die Eltern Kontakt mit uns auf, weil sie das Ganze nicht verstehen und wissen wollen, ob so etwas häufiger vorkommt. BZ: Warum heiraten diese Männer überhaupt, wenn sie doch schwul sind? Sandermann: Bei der Generation 60 plus war es so, dass die gesellschaftlichen Konventionen Homosexualität nicht zuließen, als sie jung waren. Zudem war sie noch unter Strafe gestellt, so dass es einfach nicht möglich war, sie offen zu leben. Bei denen, die Mitte 30 bis Ende 40 sind, war das Thema Homosexualität zwar schon mehr in der Gesellschaft angekommen, aber eben noch nicht so richtig. Viele haben dann relativ jung geheiratet und sich nie groß Gedanken gemacht über ihre Sexualität. Bei vielen spielt auch der Kinderwunsch eine Rolle. Erst neuerdings tun sich schwule und lesbische Paare zusammen, denn gleichgeschlechtliche Paare können, zumindest in Deutschland, kein Kind adoptieren, sehr selten Einzelpersonen, man denke an den Schlagersänger Patrick Lindner. Quelle: www.badische-zeitung.de