Montag, 15. März 2010

Rudolf Brazda erzählt von seinem Leben als Homosexueller während der Nazi-Zeit


Rudolf Brazda erzählt von seinem Leben als Homosexueller während der Nazi-Zeit on Vimeo.

Am 15. März dieses Jahres durfte ich Rudolf Brazda kennenlernen, Jahrgang 1913, den wahrscheinlich letzten lebenden, ehemaligen KZ-Häftling, der den Rosa Winkel der Homosexuellen getragen hat. Wir hatten uns verabredet, um für den Podcast, der jetzt auf der Website der Rosa Hilfe zu sehen ist, ein Interview über sein Leben zu machen. Ich erwartete einen von bitteren Erinnerungen gebeugten, gebrechlichen Greis. Ich wurde „enttäuscht“!

Mir trat ein munterer, alter Herr mit freundlichem, klarem Blick entgegen. Rudolf hatte sich für den Besuch extra „stadtfein“ gemacht, war guter Laune und interessiert, uns kennenzulernen und über sein Leben zu berichten. Sehr oft bemerkte er im Gespräch, dass er in seinem Leben sehr viel Glück gehabt, ja, dass er ein glückliches Leben geführt habe. Bei einem Menschen, der drei Jahre im KZ Buchenwald verbringen musste und mehrfach sehr knapp dem Tod entkam, mag das verwundern.



Rudolfs Erlebnisse kann man bei wikipedia nachlesen, wobei die französische Version präziser hinsichtlich der Details ist. Auch seine Biografie ist im Mai 2010 in Frankreich erschienen. Im persönlichen Gespräch haben zwei Dinge den stärksten Eindruck hinterlassen. Zum einen die vollkommene Natürlichkeit seiner Gefühle für andere Männer und die Selbstverständlichkeit, mit der er diese schon sehr früh zu leben begonnen hat. 1935 in der thüringischen Kleinstadt Altenburg erstmals wegen § 175 vor Gericht gestellt, leugnete er seine Gefühle nicht und wurde prompt ins Gefängnis gesteckt. Anschließend wurde er ausgewiesen und ging ins Sudetenland, wo er sich ein neues Leben aufbaute und wieder einen festen Freund fand. Einige Zeit nach der Besetzung durch die deutschen Truppen wurde er erneut verhaftet, ins Gefängnis geworfen und dann 1942 nach Buchenwald verschleppt. Manchmal übermannten Rudolf bei seinem Bericht die schmerzhaften Erinnerungen an Leidensgenossen, die weniger Glück hatten als er und eines gewaltsamen Todes durch die SS starben. Den Todesmärschen der KZ-Häftlinge kurz vor der Befreiung durch die US-Truppen entging er selbst nur sehr knapp, indem ein Kapo ihn im Schweinestall versteckte.

Sein Leben nach dem Krieg brachte eine weitere schlimme Wendung mit sich. Nachdem er sich wieder ein Leben mit seinem neuen Freund Edi aufgebaut hatte, der wie Rudolf Dachdecker war, stürzte Edi bei der Arbeit vom Dach und blieb gelähmt. Aber auch diese Herausforderung nahm Rudolf an. Er lebte bis zu dessen Tod insgesamt 55 Jahre mit Edi zusammen. Sie konnten reisen und sich an dem gemeinsam gebauten Häuschen mit Garten erfreuen. Heute lebt Rudolf immer noch völlig selbständig in seinem Häuschen, verfolgt das Tagesgeschehen und stellt sich als Zeitzeuge zur Verfügung. So hielt er in Lörrach eine beeindruckende Rede, völlig frei, die in einen Appell für Freiheit, Demokratie und die friedliche europäische Einigung mündete.

Im vergangenen Jahr zerstörte ein Unwetter seinen halben Kirschbaum, dessen Rest dieses Jahr aber neu erblühte. Und hier zeigt sich Rudolfs zweite, wesentliche Eigenschaft: seine ungeheuer positive Lebenseinstellung. Für ihn war der Baum nicht halb kaputt, sondern halb heil, und nun ist er zu neuer Blüte erwacht. Das ist der Grund, warum ich Rudolf nicht nur als „Überlebenden“ sehe oder ihn darauf reduzieren möchte.

Wir dürfen uns Rudolf als einen glücklichen Menschen vorstellen. Mit der Selbstverständlichkeit seines Schwulseins und mit seiner positiven Lebenseinstellung ist er ein Vorbild für uns alle! Lieber Rudolf, Vorstand und Mitglieder der Rosa Hilfe Freiburg wünschen Dir zu Deinem 97. Geburtstag am 26. Juni, dass Du bei guter Gesundheit 100 Jahre alt werden und noch lange etwas von Deinem gemütlichen Häuschen und Deinem schönen Garten haben mögest!